Gentechnikfreie Regionen in Deutschland

Bei kommerziellem Anbau von GVO in Deutschland droht gentechnikfreier Landwirtschaft mittelfristig das Aus

Innerhalb der EU beschränkt sich ein größerer kommerzieller Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen bisher allein auf Spanien. Hier wuchsen im Jahr 2008 etwa 79 000 Hektar gentechnisch veränderter Mais, der von Monsanto entwickelte Mon 810. Die deutsche Anbaufläche von Mon 810 für das Jahr 2008 nimmt sich mit knapp 3200 Hektar (entspricht ca. 0,15 Prozent der gesamten deutschen Mais-Anbaufläche) dagegen relativ gering aus.   

Der - angesichts der Skepsis von VerbraucherInnen sowie Bäuerinnen und Bauern - eher restriktive Umgang mit gentechnisch veränderten Pflanzen könnte sich jedoch bald ändern. Die EU-Kommission hat das seit Oktober 1998 faktisch bestehende Moratorium bei der Zulassung neuer GVO-Pflanzen im Mai 2004 aufgehoben. Zudem drängt die Industrie gerade auch in Deutschland massiv auf den Anbau und umwirbt die Landwirte, auf ihren Äckern endlich transgenes Saatgut auszusäen.

Sollte es weiter zu einem kommerziellen Anbau von Genpflanzen kommen, droht eine langsame flächendeckende gentechnische Kontamination von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft. Mittelfristig ist das Aus für die in der EU zur Zeit noch weitgehend gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zu befürchten. Denn: Wie sage ich den Bienen, dass sie den Pollen doch bitte innerhalb der Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen lassen möchten, wie verhindere ich, dass der Wind den Pollen der Genpflanzen über weite Strecken verbreitet?

Besonders betroffen wäre die Ökolandwirtschaft: Keine Gentechnik – das ist ein Grundsatz, zu dem sie sowohl Selbstverständnis als auch Gesetz verpflichten. Doch auch die konventionellen Bauern, die weiterhin gentechnikfrei produzieren wollen, hätten das Nachsehen. Zum einen würden diejenigen Landwirte, die ihren Kunden gegenüber vertraglich zur Lieferung gentechnikfreier Ware verpflichtet sind, ihre Wirtschaftsgrundlage verlieren, zum anderen bedeutet eine gentechnische Kontamination von Saatgut, Erntegut und Futtermitteln für alle Bauern gleichermaßen das Ende der Wahlfreiheit, sich für oder gegen die Anwendung einer Technologie entscheiden zu können. Umfragen zufolge lehnen in Deutschland 70 Prozent aller Bauern den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft ab.

Was sich als mögliches zukünftiges Szenario für Deutschland und die EU abzeichnet, ist in den drei Hauptanbauländern von gentechnisch veränderten Pflanzen schon jetzt Realität. Die USA, Argentinien und Kanada können bereits heute nicht mehr gewährleisten, dass ihr Saatgut und ihre Ernten keine Gentechnik enthalten – zu weit fortgeschritten ist bei ihnen der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, die gentechnische Kontamination ist allgegenwärtig.

Das führt beim Sojaanbau in den USA zu einer geradezu grotesken Situation. Die astronomisch hohe Anbauquote von inzwischen fast 80 Prozent transgenem Soja resultiert nicht etwa daraus, dass die Bauern einem qualitativ überlegenem Produkt den Vorzug geben, sondern aus einem simplen ökonomischen und alltagspraktischen Kalkül: Immer wieder wurden konventionell wirtschaftende Soja-Bauern, auf deren Feldern ungewollt auch gentechnisch veränderte Pflanzen wuchsen, vom Hersteller des Gensojas, dem US-amerikanischen Konzern Monsanto, wegen Verletzung des Patentschutzes verklagt und von den Gerichten zur nachträglichen Zahlung von Lizenzgebühren verurteilt. Die Folge: Statt zweimal Geld für Saatgut auszugeben – für das aus freier Entscheidung gekaufte konventionelle und das mit dem konventionellen aufgrund von Kontamination unfreiwillig erworbene gentechnisch veränderte – greifen die Bauern lieber gleich zum transgenen Saatgut, zahlen nur einmal und ersparen sich den Ärger eines aufwändigen Gerichtsverfahrens, in dem sie nach derzeitiger Rechtslage ohnehin unterliegen.

Angesichts des sich möglicherweise ausweitenden kommerziellen Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen in der EU steht momentan ein Begriff im Mittelpunkt der politischen Debatte: Öffnet einen internen Link im aktuellen Fensterdie Koexistenz von Landwirtschaft mit und ohne Einsatz der Gentechnik. Derzeit werden sowohl in Berlin als auch in Brüssel die wesentlichen Fragen debattiert:

  • Wie sieht eine Koexistenz aus, die garantiert, dass es weiterhin eine gentechnikfreie Landwirtschaft gibt und nicht nur eine Landwirtschaft, die mehr oder weniger stark gentechnisch kontaminiert ist?
  • Welche Abstände zwischen Feldern sind dafür erforderlich?
  • Wie erfolgt die Absprache zwischen den Landwirten? Wer trifft die Entscheidungen über den Anbau?
  • Wie lässt sich die Warenkette von Handel über Transport und Lagerung bis zur Verarbeitung vor gentechnischer Kontamination schützen?
  • Wer trägt die Kosten, die für regelmäßige Kontrollen und für streng getrennte Warenströme und Produktionslinien anfallen?
  • Wer haftet im Falle einer ungewollten Kontamination?

Auch für die deutsche Landwirtschaft sind Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterRegelungen zur "Guten fachlichen Praxis" noch nicht beschlossen. Sie sollten nach den bereits beschlossenen Novellierungen des Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterGentechnikgesetzes durch die Bundesregierung erlassen werden. Nun werden Sie im Laufe der Öffnet einen internen Link im aktuellen Fenstervierten Novelle erwartet.

Schon mit der der Öffnet einen internen Link im aktuellen Fensterersten Novelle des Gentechnikgesetzes wurden Haftungsbestimmungen im Gesetz verankert, die eine verschuldensunabhängige und gesamtschuldnerische Haftung des Gentechnikanbauers festschreiben.

Weiter zu ...

Meldung des Tages

29.07.10 17:00

Gentechnik-Kartoffel der BASF vom Acker geholt

Sechs Aktivisten entfernten heute Gentechnik-Kartoffel-Pflanzen vom Acker und packten sie in Säcke...


6. Europäische Konferenz gentechnikfreier Regionen

Logo der 6. Europäischen Konferenz der gentechnikfreien Regionen.

Vom 16. bis 18. September treffen sich im Europäischen Parlament in Brüssel Vertreterinnen und Vertreter lokaler, regionaler und nationaler Initiativen und Organisationen, von Bauern, Umwelt- und Naturschutz, Verbrauchern, Unternehmen und kritischer Wissenschaft. Sie diskutieren gemeinsame Strategien und Aktionen gegen die Gentechnik in Landwirtschaft und Ernährung. Wir erwarten rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Mitgliedstaaten der EU und umliegenden europäischen Ländern sowie Gäste aus China, Indien, den USA, Japan und Afrika. Und wir erwarten Sie!


[mehr]

Film: Vergiftetes Land

Der Anbau von gentechnisch veränderter Soja in Südamerika hat verheerende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.

Eine Spur der Zerstörung zieht sich von europäischen Massentierhaltungen bis in die Wälder Südamerikas. Dort vernichten riesige Sojaplantagen, die für die Fütterung europäischer Hühner, Kühe und Schweine benötigt werden, die einheimische Fauna und Flora. 

Der neue 12-minütige Online-Dokumentarfilm "Vergiftetes Land" schildert diese Zusammenhänge eindringlich.
 

Öffnet einen internen Link im aktuellen Fenster[mehr]

Studien und Gutachten

Wir dokumentieren relevante Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterStudien und Gutachten zur Agro-Gentechnik. In unseren Hintergrundinformationen.

Was ist zugelassen?

Das u.a. durch verschiedene Agro-Gentechnikfirmen, díe Bundesregierung und die europäische Kommission geförderte Portal Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.transgen.de bietet eine Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterDatenbanksuche zu den in der EU zugelassenen bzw. im Zulassungsprozess befindlichen GVOs an.

Risiko Gentechnik

Als Risikotechnologie unterliegt die Agro-Gentechnik einer Vielzahl gesetzlicher Bestimmungen und Regelungen.

In unserem Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterHintergrund Gentechnikrecht erfahren Sie mehr.

Gentechnikanbau weltweit?

Zahlen und Datenmaterial zum weltweiten Gentechnikanbau finden Sie in den Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterBerichten der ISAAA.

Metanavigation:
Home