Gentechnikfreie Regionen in Deutschland

07.09.12 14:36 Alter: 2 Jahre

Von Problemen mit Koch und Kellner: Die 'GMO-Free Europe-Konferenz 2012'

 

„Wenn hier in der Kantine des EU-Parlaments GVO [gentechnisch veränderte Organismen] serviert würden, sollten wir die Kantine dann schließen? Oder sollten wir abwarten und eine Diskussion darüber haben, weil der Koch uns gesagt hat, dass die vielleicht gut wären, und so lange unser eigenes Essen im Sitzungssaal kochen?“ Mit dieser Analogie verdeutlichte Mahi Sideridou von Greenpeace ihre Kritik an der momentanen Regulierung der Agro-Gentechnik. Einige wenige Köche wie Monsanto, Bayer, Syngenta und BASF preisen lautstark ihre Gerichte aus Gentech-Pflanzen an, welche uns die europäische Lebensmittelbehörde EFSA und die EU-Kommission dann vorsetzen – während Politik und Öffentlichkeit noch über Chancen und Risiken debattieren.

Der überwiegende Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der siebten „GMO-Free Europe“-Konferenz, die diese Woche in Brüssel stattfand, stimmten wohl mit Sideridous Lösungsvorschlag überein: „Einen neuen Koch anstellen, der dafür sorgt, dass wir gesundes Essen haben.“ Schließlich kamen Viele von Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen aus ganz Europa, Indien, Japan, China und den USA. Zwei Tage lang berieten sie zusammen mit Wissenschaftlern, Imkern, Landwirten und Politikern über den aktuellen Stand bei der Agro-Gentechnik – und über Wege hin zu einer Erzeugung von Nahrung ohne Gentechnik und giftige Pestizide.

Etwas unwohl dürfte sich hingegen Eric Poudelet, ein hochrangiger Vertreter der EU-Kommission, gefühlt haben. Er hatte am zweiten Konferenztag, der in einem Sitzungssaal des Parlaments stattfand, viel Kritik einzustecken. Die Kommission stelle sich in den Dienst der Wirtschaft statt in den der Bürgerinnen und Bürger, hieß es. Sie begünstige die riskante Gentechnik gegenüber einer konventionellen oder ökologischen Züchtung von Pflanzen. Und sie ignoriere nicht nur die Probleme, die in Ländern mit hohem Gentechnik-Anteil auftreten, sondern auch den Willen der deutlichen Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in Europa, die diese Technologie und ihre Produkte schlichtweg ablehnen.

„Wir sind weder dafür noch dagegen“, bemühte sich Poudelet einige der Vorwürfe zu entkräften. Man entscheide aufgrund der Empfehlungen der EFSA, die eine ganz „außerordentliche Arbeit“ mache. Damit nahm der Kommissionsgesandte die in Dauerkritik stehende Behörde für Risikoprüfung in Schutz. Im Übrigen, betonte er mehrmals, sei die Kommission nicht allein verantwortlich, sondern auch die Regierungen der Mitgliedsstaaten. Und wenn es in manchen Ländern Probleme mit dem Spritzmittel Glyphosat gebe, habe das nichts mit der Gentechnik zu tun, sondern mit einer falschen Anwendung durch die Landwirte, erklärte Poudelet. Gegenüber saßen zwei argentinische Aktivistinnen, die kurz zuvor von ihrem Wohnort berichtet hatten, der neben einem Feld mit dem gentechnisch veränderten „Roundup-Ready“-Soja von Monsanto liegt – und wo zahlreiche Erwachsene und Kinder unter Krankheiten und Missbildungen durch den massiven Glyphosat- bzw. „Roundup“-Einsatz leiden. Nicht nur Martin Häusling von den Grünen sah in Poudelets Äußerung daher „den Witz des Tages.“

Wie der Kommissionsvertreter ließ auch die Geschäftsführerin der EFSA jegliche Kritik abprallen. Catherine Geslain-Lanéelle bezeichnete alle an sie adressierten Vorwürfe als „falsch“. Zuvor angeprangerte Interessenskonflikte bei vielen EFSA-Experten, die gleichzeitig Geld für Tätigkeiten bei Interessensverbänden der Gentechnikindustrie erhalten, wischte sie mit dem Hinweis auf „sehr strenge Regeln“ beiseite. Keine Einsicht also bei der Chefin der Behörde, deren Budget vom EU-Parlament zuletzt wegen eben jener Mauscheleien mit der Privatwirtschaft vorläufig nicht entlastet worden war. Als positiv wurde hingegen ihre Ankündigung bewertet, in den kommenden Jahren in das bislang kaum durchgeführte Monitoring investieren zu wollen, also in eine Überwachung der Auswirkungen von Gentechnikprodukten nach deren Zulassung.

Wie gravierend diese Folgen sein können, ist außerhalb der EU schon längst spürbar. Debbie Barker vom Center for Food Safety aus Washington fasste die bereits bekannten Symptome des Gentechnikanbaus in den USA zusammen: resistente Insekten und Unkräuter, bestenfalls stagnierende Erträge bei einem um 20 Prozent gestiegenen Chemikalieneinsatz. Dabei berief sie sich auf offizielle Zahlen des US-Agrarministeriums. Weil sie in den USA bislang nicht gekennzeichnet werden müssen, enthielten bereits 70 bis 80 Prozent der verarbeiteten Lebensmittel gentechnisch veränderte Organismen. „Wir sind letztendlich die Versuchsratten für GVO“, beklagte Barker die Lage ihrer Mitbürger.

Ähnliches hatte Rajesh Krishnan aus Indien zu berichten. Der Greenpeace-Mitarbeiter widersprach in seinem Vortrag Berichten über angebliche Vorteile von Gentech-Baumwolle für dortige Kleinbauern: „Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.“ Die Ernten hätten trotz der rapiden Ausbreitung der Gentechnik in den letzten Jahren nicht zugenommen, der Pestizideinsatz hingegen schon. Bei der Debatte über die europäische Lebensmittelbehörde EFSA habe er ein Déjà-vu-Gefühl gehabt. In Indien sei die Risikoprüfung genau so problematisch. Dennoch konnte Krishnan den europäischen Gentechnik-Gegnern auch Positives in Erinnerung rufen. In seinem Land sei eine breite Protestbewegung von Kleinbauern entstanden, die auch in der Politik ihre Spuren hinterlasse. Erst vor kurzem hat das indische Parlament einen Bericht verabschiedet, demzufolge der Gentechnik-Anbau auf dem Subkontinent nicht nötig ist.

Am bewegendsten war sicherlich der Auftritt von Sofia Gatica aus Argentinien. Die Trägerin des Goldman-Umweltpreises kämpft dort gegen den massiven Einsatz von Glyphosat auf Gentechnik-Feldern, seit ihre eigene Tochter im Kleinkindalter an den Folgeerscheinungen desselben gestorben ist. Sie zitierte medizinische Berichte aus ihrer Region, wonach dort 30 Prozent der Einwohner an Lungenschäden leiden. Gatica appellierte deshalb an Politik und Öffentlichkeit in der EU: „Ihr bekommt die Gentechnikpflanzen, wir produzieren sie. Bitte verbieten Sie den Import von Gentechnik!“

Meldung vom Informationsdienst Gentechnik am 7. September 2012

Erfahren Sie mehr über die Konferenz auf der englischsprachigen Webseite von GMO-free Europe.


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Niedersachsen

  • Anzahl Kommunen: 19
  • Stand: 04.08.14

Kommunale Appelle

Hier finden Sie weitere Kommunen in Niedersachsen, die sich gegen den Einsatz von Gentechnik auf ihrem Gebiet aussprechen. Hier wurden allerdings keine eindeutigen vertraglichen Verpflichtungen beschlossen, die eine gentechnikfreie Bewirtschaftung sichern sollen.

Badbergen
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Hambergen
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Flecken Ottersberg
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Tosterglope
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